Brentadurchquerung 2021
 Alpin/Bergsteigen  Gottfried  06-10-2021 11:50  0  25 gelesen

Brentadurchquerung auf dem Bocchette Weg vom 29. August bis 2. September

Am 29. August machte sich eine kleine Gruppe mit sechs Teilnehmern auf ins Trentino, nach Madonna di Campiglio.

Die Anreise war ohne Probleme, sodass wir schon kurz vor Mittag bei der Talstation der Grostè-Seilbahn eintrafen. Für mich als Neuling im hochalpinen Gelände war es eine Tour ins Ungewisse, ich war noch nie über 2500 Meter unterwegs, und jetzt sollten es gleich fünf Tage in Höhen von 2300 bis fast 3000 Meter werden.

Mit der Seilbahn gings dann ganz gemütlich hoch auf ca. 2500 Meter zum Passo Grostè, dem Startpunkt unserer Tour. Am ersten Tag stand nur eine kleinere Tour über den Sentiero Alfredo Benini zum Refugio Tuckett auf dem Plan. Josefs unerschütterlicher Gipfelsiegdrang brachte uns aber gleich am Anfang auf eine falsche Route, und wir waren schon halb auf dem Cima Grostè als wir realisierten, dass es hier nicht zu unserer Unterkunft ging. Aber kein Problem, ein Stück zurück und den anderen Weg nehmen.
Der erste Tag war dann von den weiten Steinplateaus und der schönen Fernsicht geprägt.

Nach dieser Einstiegstour erreichten wir schließlich gegen fünf unser Refugio. Schnell Zimmer beziehen und danach die verbrauchten Elektrolyte mit einem Weizen auftanken. Nach einem ausgezeichneten Abendessen gings schließlich gegen zehn hundemüde ins Bett.

Am nächsten Morgen waren wieder alle fit, und nach einem ausgiebigen Frühstück machten wir uns auf den Weg.
Hans, Beppo und Doris nahmen den Sosat-Weg mit herrlichen Ausblicken auf die Adamello-Gruppe. Erwin, Josef und ich entschlossen uns den etwas schwierigeren Sentiero Bocchette Alte zu nehmen, ein ständiges Auf und Ab auf unzähligen ausgesetzten Leitern und schönen Querpassagen. Und nach der gefühlt fünfzigsten Leiter ist man fast schon froh, wenn man kein Eisen mehr in die Hand nehmen muss.
Aber der Weg zwischen den Türmen war super schön, ständig änderten sich die Ausblicke, zahlreiche Wolkenfetzen versteckten die Felswände oder gaben sie teilweise frei, mal konnte man hunderte Meter runter oder nach oben sehen, mal sah man keine 50 Meter weit. Ein ständiges Spiel von Felsformationen in verschiedensten Farben, von Licht und Schatten, an dem man sich nicht satt sehen kann. Unser gemeinsames Ziel für die Nacht war dann das Rifugio Alimonta.

Und am Abend wieder das gleiche Prozedere: Elektrolytverlust ausgleichen, das Abendessen genießen und müde ins Bett fallen.

Der nächste Morgen begann wieder mit strahlendem Sonnenschein, und die Adamello-Gruppe erstrahlte im Morgenlicht.
Über einen kleinen Gletscher ging es dann hoch zum Via delle Bocchette Centrale, dem berühmten Bänderklettersteig direkt ins Herz der Brenta mit der eindrucksvollen Felsnadel des Campanile Basso, die 450 m aus dem Kar ragt. Immer unterwegs auf ganz schmalen aber gut gangbaren Felsbändern, die wie in einem surrealen Bild die Felswände unterbrachen, wie mit dem Lineal gezogen. Am frühen Nachmittag gelangten wir zum nächsten Etappenziel, dem Rifugio Pedrotti-Tosa.

Und auch hier: the same procedure as every day :)

Tag 4 startete mit einem herrlichen Sonnenaufgang, und wenn man die Energie des neuen Tages mit den ersten Sonnenstrahlen so richtig aufgesogen hat, dann schmeckt das Frühstück gleich noch besser.

Frisch gestärkt starteten wir dann in die längste Tour dieses Ausfluges: Über den Sentiero Brentari und den Sentiero dell‘Ideale zum Refugio XII Apostoli. Die Tour ist geprägt von großartigen Weitblicken, dazwischen tiefe Schluchten und zahlreichen Türme, und vor allem von den beiden Gletschern.
Der Vedretta d'Ambiez bezauberte durch sein strahlendes weiß, war aber mit Gröddel keine große Herausforderung. Ganz anders wars dann schon auf dem Vedretta dei Camosci, teilweise blankes Eis, sodass die Überquerung der steilen Passagen auch mit Gröddel zur Mutprobe und Herausforderung wurde. Langsam, Schritt für Schritt, wie auf rohen Eiern kämpften wir uns auf die andere Seite durch, und glücklicherweise gab es keine Rutschpartie.

Nach einem kurzen Klettersteig erreichten wir dann ein kleines Plateau auf dem Bocca dei Camosci, auf dem wir uns ausnahmsweise mal eine längere Mittagspause gönnten. Die Herausforderungen der Tour noch im Kopf, mit Blick auf das ferne Refugio XII Apostoli, genossen wir eine kleine Brotzeit, ein Gipfelschnapserl und vor allem die wärmende Sonne und die herrliche Aussicht. Nach der Rast gings dann auf einem gemütlichen Wanderweg runter zu Refugio, wo wir am frühen Nachmittag ankamen.

Zur Begrüßung gab es dann einiges an Verwirrung, unsere Buchung wurde nicht richtig vorgemerkt bzw. storniert, und so waren eigentlich keine Betten mehr frei. Gott sei Dank hatte ich alle Überweisungsbestätigungen dabei, sodass wir das Missverständnis aufklären konnten und schnell eine Lösung für das Bettenproblem gefunden wurde. Beppo und Doris "durften" die Nacht in einem Massenlager mit entsprechender Geräuschkulisse verbringen. Die restlichen vier übernachteten in einem Notbiwak, einem zugigen Bretterverschlag, aber zumindest mit Bett, Matratze und Decken ausgestattet, und mit viel frischer Luft :)

Nach dem obligatorischen Elektrolytausgleich nach diesem Begrüßungsschock besichtigten wir noch die nahegelegene Felsenkapelle, die zur Erinnerung an drei junge Bergsteiger, die 1950 auf dem Firnfeld „dei Camosci“ tödlich verunglückten, aus dem blanken Fels herausgeschlagen wurde.

Da es unser letzter Abend in der Brenta war gingen wir diesmal auch als letzte ins Bett, nach vielen unterhaltsamen Gesprächen mit anderen Hüttenbesuchern und dem Wirt (der anscheinend auch ein wenig ein schlechtes Gewissen hatte :) )

Am Morgen begrüßte uns als erstes das Notstromaggregat, das direkt neben dem Notbiwak den neuen Tag einläutete. Nach einem sehr guten Frühstück und mit ein wenig Wehmut machten wir uns auf zur Abstiegstour, 1100 Meter hinunter ins Tal. Unser Ziel war der Lago di Valagola, wo ein Taxi bereits auf uns wartete, welches uns Ruck-Zuck zum Parkplatz der Seilbahn brachte.

Alles in Allem ein wunderschönes Erlebnis, und eins ist gewiss, ich komme wieder :)

Ein herzliches Berg frei wünscht euch
Gottfried

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