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4000-er Westalpenfahrt
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Auch wir, Ferdinand, Gerhard, Hubert, Karl, Kurt und Walter sind hoch motiviert, als wir uns drei Tage vor dem geplanten Aufbruch zur abschließenden Tourenbesprechung im Vereinsheim treffen. Die letzten Unklarheiten werden besprochen und ein „praktischer“ Versuch einer Spaltenbergung (hoffentlich trifft es nicht ein und wenn doch, dann bitte nur mit dem, der sich selbst helfen oder der, der andere bergen kann) wird geprobt – da bleiben nicht viel Kandidaten übrig.
Freitag, 12. August - wir brechen in stockdunkler Nacht auf, um nach rund 750 km Fahrtstrecke rechtzeitig am Ziel zu sein – in Alagna Valsesia, ein bezauberndes Bergsteigerdorf im Talschluß am Fuße des Monte Rosa Massivs auf italienischem Staatsgebiet gelegen. Die Reise bei strahlendem Sonnenschein verläuft in entspannter Atmosphäre, können wir uns beim Fahren doch abwechseln und von dem uns zu erwartenden „Abenteuer 4000“ schwärmen.
Wir lassen es gemütlich angehen - die Auffahrt mit der Seilbahn, die hierzulande noch eine Mittagspause einhält, über insgesamt drei Teilstrecken von ca. 1200 m Seehöhe bis auf 3260 m Höhe bei der Bergstation Punta Indren dauert knapp eine Stunde.
Am frühen Nachmittag schultern wir unsere vollbepackten Rucksäcke und machen uns auf den 1 ½- stündigen Weg zum Rifugio Gnifetti in 3647 m Seehöhe, unser „Basislager“ für die nächsten Tage. Die „dünne Luft“ hier oben, nach dem rapiden Aufstieg mit der Bahn, bereitet etwas Mühe, die Schritte werden langsamer als im Tal.
Nach dem „Beziehen“ unserer Lager (wir haben das Glück, einen Raum für uns allein zu haben) besteigen wir noch den „Hausberg“, eine kleine Anhöhe auf dem Felsgebilde, auf dem das Rifugio thront, um uns etwas zu aklimatisieren. Die Abendgestaltung hält sich in Grenzen, ich denke, wir sind schon lange nicht mehr so früh in die Federn gekrochen – in weiser Voraussicht der Anforderungen des nächsten Tages.
Samstag, 13. August – die Nacht hatte es in sich, einen unruhigen Schlaf dürften fast alle erlebt haben, mag es an den teilweise heftigen Windböhen gelegen haben oder am allgemeinen Kopfweh, das einen hier oben einfach leicht befallen kann.
Bei wolkenlosem Himmel und Temperaturen um die 0° Grenze brechen sechs der acht Teilnehmer gegen 07.00 Uhr auf, um die Vinzentpyramide (4215 m) als ersten 4000-er ihrer Bergsteigerlaufbahn zu bezwingen. Die Seilschaft erreicht den Gipfel nach ca. 2 ½ Stunden Aufstieg und kann in weiterer Folge beim Abstieg noch das Balmenhorn (4167 m) mit seiner riesigen Jesusstatue „mitnehmen“.
Für die vier, die immer noch nicht genug haben, bietet sich noch die Besteigung des Schwarzhorns mit seinen 4322 m Seehöhe an. Gut gelaunt, doch auch ein wenig erschöpft, treffen alle wohlbehalten am Nachmittag wieder im Basislager auf der Gnifettihütte ein.
Einer der beiden „verhinderten Gipfelstürmer“ schafft es noch, am Nachmittag die 4000-er Grenze auf der Route zur Vinzentpyramide zu meistern (auch für ihn fast wie ein Gipfelsieg), sein „Leidensgenosse“ von Vormittag kann kaum einen Fuß vor den anderen setzen, so sehr hat ihn die Höhe geschafft.
Beim Abendessen, wir genießen heute eine „vornehme Halbpension“ mit gedecktem Tisch, Keramiktellern, Metallbesteck und einem 4-Gänge-Menue, beschließen wir aufgrund des unveränderten Gesundheitszustandes und einer eher negativen Wettervorhersage für den nächsten Tag, von der geplanten großen Tour zur Signalkuppe (4554 m) mit der höchstgelegenen Hütte Europas, der Capanna Margherita auf deren Spitze, abzusehen und unsere Westalpenfahrt abzubrechen.
Dieser Entschluss verleitet uns zum Abschiedsfeiern – wir genießen die letzten Stunden in gemütlicher Runde mit einem Gläschen Rotwein - oder sind es mehrere?
Sonntag, 14. August - schweren Herzens machen sich die, die heute hätten „Bäume ausreißen“ können, bei noch dazu nach wie vor ungetrübtem Himmel auf den Weg Richtung Bergstation, wo uns die Seilbahn wieder zurück in die Zivilisation bringen wird. Im Frühjahr könnte man von hier auf sicher gepflegten Pisten bis ins Tal abfahren.
Auf der Heimfahrt lassen wir gelegentlich die vergangenen Stunden Revue passieren, beobachten das sich nicht verschlechternde Wetter (kein Wunder, wir fahren ihm ja auch davon), sind froh, dass es unserem „Patienten“ hier unten sichtlich wieder besser geht und stellen fest:
Kameradschaft am Berg zählt mehr als alle Wünsche und Bedürfnisse, so schwer es auch fallen mag.
Zurück liegt ein erfolgreicher, eindrucksvoller Ausflug ins Hochgebirge, der trotz unerwartetem Ablauf zu einem tollen gemeinsamen Erlebnis wurde.
„Berg frei“
Hans und Kurt
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